„Mehr Transparenz und Teamorientierung“: Arbeit in ambulanten Strukturen psychiatrischer Kliniken wird laut Studien als weniger belastend erlebt

Mit dem angestrebten Ausbau ambulanter Strukturen verändert sich die berufliche Praxis an psychiatrischen Krankenhäusern. Arndt Schlubach, M.A. Health Administration, hat sich in seiner Masterarbeit mit den Auswirkungen auf die Arbeitsbedingungen in der Psychiatrie befasst und wird im Rahmen der Fachtagung „Alles ambulant oder was?“ der Kliniken des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe (LWL) im Kreis Soest und in Paderborn hierzu referieren. An den LWL-Kliniken Lippstadt und Warstein ist Schlubach zuständig für Projektmanagement und Versorgungsforschung. Wir haben mit Arndt Schublach gesprochen.

Welche Vorteile ergeben sich für den Patienten, wenn er nicht mehr stationär in der Klinik, sondern ambulant zu Hause behandelt wird?

Diskriminierung, Ausgrenzung, Herausnahme aus sozialen Bezügen – diese „Nebenwirkungen“ stationärer Behandlung werden positiv beeinflusst. Gerade schwer Erkrankte können davon profitieren, wenn ein Wechsel in eine Klinik nicht oder nur sehr kurz erforderlich ist, sondern vielmehr soziale Strukturen erhalten und gestärkt werden. Voraussetzung ist natürlich, dass kein Risiko einer Eigen- oder Fremdgefährdung besteht und der Patient absprachefähig ist. Wir haben an den LWL-Kliniken Lippstadt und Warstein hierzu schon im Jahr 2015, im Rahmen eines berufsgruppenübergreifenden Projektes, inhaltliche Vorarbeit geleistet. Dabei wurden Behandlungs- und Pflegeinhalte für solch ein Angebot definiert.

Was geschieht denn, wenn ein ambulant behandelter, psychisch erkrankter Mensch plötzlich in eine Krise gerät und die Voraussetzungen dann nicht mehr gegeben sind?

Man muss unterscheiden zwischen verschiedenen Formen ambulanter Versorgung. Liegt zukünftig eine Krankenhausbehandlungsbedürftigkeit vor, dann besteht nach den neuen gesetzlichen Rahmenbedingungen ab 2019 die Möglichkeit einer stationsäquivalenten Behandlung (StäB). Das bedeutet, dass ein Patient nach entsprechender fachärztlicher Diagnostik die Möglichkeit bekommt, in seiner häuslichen Umgebung durch Krankenhauspersonal behandelt und versorgt zu werden.  Dass ein Krankenhausbett zur Verfügung steht für den Fall, dass es doch benötigt wird, ist dabei selbstverständlich. Die Behandlung erfolgt sehr engmaschig durch speziell geschulte und erfahrene Fachkräfte, und es ist immer möglich, zwischen den verschiedenen Settings zu wechseln.

Schon jetzt gilt die Psychiatrie als hoch belasteter Arbeitsbereich. Ist nicht zu befürchten, dass durch die dezentralen Strukturen ambulanter Versorgung noch mehr Zeitdruck entsteht, sich die Arbeitsbedingungen weiter verschlechtern?

Möglicherweise sind die Auswirkungen der Veränderungen im Gesundheitssystem im Fachbereich der Psychiatrie besonders deutlich zu spüren.  Deshalb ist es wichtig zu verstehen, welche Inhalte die Belastung ausmachen.

Es gibt bislang nur vereinzelte Untersuchungen zu dem Thema, wie sich die zunehmende Ambulantisierung hier auswirkt, doch diese lassen den Schluss zu, dass sich die Arbeitsbedingungen eher verbessern können. Schichtdienste, hierarchische Strukturen und eine hohe Arbeitsintensität sind Faktoren, die unter ambulanten Bedingungen offenbar weniger stark ausgeprägt sind und als deutlich weniger belastend erlebt werden. Diese Erkenntnis deckt sich grundsätzlich auch mit den Erfahrungen, die wir in unseren bestehenden teilstationären und ambulanten Angeboten machen, also den Tageskliniken und Institutsambulanzen. 

Worin liegt dies Ihrer Einschätzung nach begründet, was haben Sie hierzu in Ihrer Arbeit herausgefunden?

In der ambulanten psychiatrischen Versorgung ist die Kommunikation zwischen den verschiedenen Berufsgruppen noch deutlich transparenter und verbindlicher geregelt. Eine geringer ausgeprägte Teamverfügbarkeit (zu den Patienten fahren „Behandlungstandems“ oder einzelne Bezugspersonen) erhöht nochmals die Bedeutung von abgestimmten Konzepten als Arbeitsgrundlage. Flache hierarchische Strukturen zwischen den Berufsgruppen und mehr Teamorientierung können sich so auch positiv auf die Motivation der Beschäftigten auswirken. Man kann sozusagen von einer patientenorientierten Verantwortungsteilung sprechen. Dies führt offensichtlich dazu, dass  die Mitarbeiter sich deutlich stärker auf ihre Kerntätigkeit fokussieren können, die in der Regel als sinngebend erlebt wird.

Welche Schritte lassen sich aus den Ergebnissen Ihrer Forschungsarbeit ableiten, um den Veränderungsprozess „ambulant vor stationär“ im Sinne der Mitarbeiter zu gestalten?

Diese Art von Veränderung wird im Krankenhausbereich häufig als bedrohlich erlebt. Ein hohes Maß an Transparenz und Beteiligung der Beschäftigten an den Veränderungsprozessen ist dabei Grundlage für den Wandel. Unser Ziel ist es, eine Unternehmenskultur zu schaffen, die einer Überlastung der behandelnden Berufsgruppen vorbeugt.  Die Regelung von Zuständigkeiten, aufeinander und miteinander abgestimmte Arbeitskonzepte, weniger Delegation und klarere Strukturen begünstigen eine höhere Arbeitszufriedenheit. Diese Erkenntnisse fließen bereits jetzt in den Klinikalltag ein und bilden eine Basis, um entsprechende Konzepte für einen Ausbau ambulanter Versorgung zu entwickeln und diese qualifiziert durchführen zu können.

Die größte Berufsgruppe in psychiatrischen Krankenhäusern ist die der Pflegekräfte. Wie sieht es da mit Möglichkeiten der Weiterqualifizierung aus?

Um die Kompetenzen von Pflegenden auszubauen und eine zum Teil sehr spezialisierte Qualifizierung zu bewirken, bieten die LWL-Kliniken Lippstadt und Warstein verschiedene Möglichkeiten der Förderung an. Ich selbst habe in meinem Masterstudiengang eine Unterstützung erlebt, die mir das Studium grundsätzlich erst ermöglicht hat, und habe mit dem Thema meiner Masterarbeit sehr gut betriebliche und fachliche Interessen zusammenführen können. Grundsätzlich sind wir sehr stark daran interessiert, sowohl für neue Mitarbeiter als auch für schon länger bei uns Beschäftigte der richtige Arbeitgeber zu sein. Für individuelle Lebens- und Entwicklungsperspektiven brauchen wir unterschiedlichste Modelle der Förderung. Diese reichen von Seminaren zu bestimmten Therapieverfahren oder Hilfen im Arbeitsalltag an unserem klinikeigenen Fort- und Weiterbildungszentrum bis hin zu Stipendien für akademische Laufbahnen.