Leserbrief/Stellungnahme zum Focus-Artikel „38 Jahre zu Unrecht in der Psychiatrie“

2013-11-27_Focus_563287_original_R_K_B_by_Katharina Scherer_pixelio.deAuf vier opulenten Text- und Foto-Seiten in seiner Print-Ausgabe vom 14.10.2013 und parallel ebenso ausführlich auf seinem Online-Kanal (REPORT: 38 Jahre zu Unrecht in der Psychiatrie und Fehldiagnose in Nervenklinik „gemeingefährlich“ Unschuldiger Mann wird erst in Psychiatrie zum Kranken) verbreitete der FOCUS eine vermeintliche „Psychiatrieskandal“-Geschichte aus der LWL-Klinik Warstein. Bislang nicht eine Zeile wert war dem Münchener Magazin dagegen unser Leserbrief als verantwortliche Warsteiner Ärzte. Ebenfalls ohne jedes Echo blieb Anfang November unsere schriftliche Nachfrage zu den Gründen für die Nicht-Veröffentlichung. Nachfolgend dokumentieren wir den am 24.10.2013 per Einschreiben eingesandten Leserbrief.

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Artikel „38 Jahre zu Unrecht in der Psychiatrie“  in FOCUS Nr. 42/13 v. 14.10.2013, S. 60 – 64; Autor: Markus Krischer

 

Sehr geehrte Damen und Herren,

wir bitten um unverzügliche Veröffentlichung des nachfolgenden Leserbrief-Textes:

„Beinahe 40 Jahre in der Psychiatrie“; “Zu Unrecht“; „Beispielloser Medizin-Skandal“ – mit dramatisch dicken Pinselstrichen will der FOCUS (s)einen vermeintlichen Mollath-Folgefall ausmalen. Entstanden ist ein Zerrbild, zusammengesetzt aus falschen Behauptungen und willkürlichen Wertungen des Autors. Dazu gehört zum Beispiel seine gleich mehrfache Behauptung von ‚Fehldiagnose‘ und ‚Falschbehandlung‘ bei dem betreffenden Patienten M.

Wir als seine ärztlichen Behandler weisen das entschieden zurück, weil die Fakten nachweislich eine andere Sprache sprechen. Unser Patient leidet unter einer außergewöhnlich schweren und komplizierten Verlaufsform des ‚Tourette Syndroms‘.  Entgegen den Behauptungen des FOCUS ist eine sehr frühe, rechtzeitige und präzise Diagnosestellung belegt. Ebenso dokumentiert ist, dass die sich aus der Diagnose ergebenden Therapiestrategien in klarer Übereinstimmung mit dem medizinisch-wissenschaftlichen Erkenntnisstand erfolgt sind. Dies bedeutet – wie häufig in der Medizin – nicht zwingend Heilung, aber sehr wohl Linderung durch Ausschöpfung des verfügbaren Behandlungspotentials. Die kontinuierliche Verbesserung der Therapie hat das Leiden von Herrn M. an seinen vom FOCUS beschriebenen krankheitsbedingten Verbalattacken und Gewaltausbrüchen deutlich verringert. Dass bisher keine vollständige Symptomfreiheit erzielbar war, ist jedoch der Komplexität seines Krankheitsbildes geschuldet und nicht – wie vom FOCUS suggeriert – einer Fehlbehandlung und Fehldiagnose.

Die fehlerhafte FOCUS-Berichterstattung setzt nicht nur den Patienten (Zitate: „Monster“; „Der Mann, der zum Wrack behandelt wurde“) und seine Ärzte herab. Sie erzeugt insgesamt einen herben, schädlichen Rückfall in eine Stigmatisierung von Psychiatrie und diffamiert die Seriosität psychiatrisch-psychotherapeutischer Therapiekonzepte. Patienten, Angehörige und Fachleute haben vereint und mit viel Engagement Boden gut gemacht bei der Entstigmatisierung psychischer Krankheit wie psychiatrischer Therapie. Auch der aufgeklärte Journalismus hat zum Beispiel bei dem tragischen Suizid von Robert Enke seinen verdienstvollen Beitrag geleistet. In der Folge trauen sich Menschen mit psychischen Problemen heutzutage immer mehr, fachgerechte Therapie in Kliniken und Praxen nachzufragen und von ihr zu profitieren.

Diese Bemühungen werden durch eine Fehlberichterstattung wie im vorliegenden Fall schlagartig wieder zunichte gemacht. Die Kernfrage ist doch: Werden Tourette-Patienten und andere Menschen mit psychischen Störungen nach der Lektüre dieses Zerrbildes ermutigt oder entmutigt, in ihrer Not sich professionelle Hilfe zu holen? Den FOCUS-Artikel durchzieht die laute Attitüde, scheinbar aufzuklären und Patientenrechte zu artikulieren. Sein Effekt ist exakt das Gegenteil.

Dr. med. Josef J. Lessmann
Ärztlicher Direktor LWL-Klinik Warstein

Dr. med. Ewald Rahn
stellv. Ärztlicher Direktor LWL-Klinik Warstein