Benninghauser Tag der Alterskunde widmet sich psychischen Erkrankungen

Benninghauser Tag der Alterskunde

Dozenten- und Veranstalterteam

Kritisch, fordernd, aber immer realistisch: So hat sich jetzt der erste Benninghauser Tag der Alterskunde präsentiert. Die Veranstaltung der Abteilung Gerontopsychiatrie der Klinik Lippstadt im Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) lockte zur Premiere rund 60 Gäste in das Haus 10, darunter neben interessierten Bürgern und Angehörigen von Patienten auch niedergelassene Fachärzte, Mitglieder des Demenznetzwerks Soest, Rechtspfleger und Richter hiesiger Amtsgerichte.

Im Mittelpunkt des Nachmittags standen auch für Laien verständliche Fachvorträge zu psychischen Erkrankungen im höheren Lebensalter sowie unterschiedliche Blickwinkel auf das optimale therapeutische Umfeld zur Behandlung von Patienten der Generation 60+. Dass der Ansatz eines solchen optimalen Umfelds dabei auch stets das Ziel verfolgen muss, die Würde jedes einzelnen Klienten zu berücksichtigen, machte Helene Unterfenger in ihrer Begrüßung deutlich.

Es sei empörend, dass alte Menschen nach umfänglicher Lebensleistung auch heute noch in manchen Einrichtungen ans Bett gefesselt werden, betonte die Chefärztin der einladenden Lippstädter LWL-Abteilung. „Hier haben wir den Auftrag und die menschliche Verpflichtung, uns in jedem Einzelfall zu fragen, ob alle erdenklichen Maßnahmen ausgeschöpft wurden, um eine Fixierung zu vermeiden.“

Ob niedrige Betten, Klingelmatten, oder so einfache Methoden wie eine geputzte Brille und festes Schuhwerk: „Unsere Erfahrungen haben gezeigt, dass sich Stürze auch auf diese Weise – und damit oft sogar deutlich effektiver – vermeiden lassen, als vorschnell zu fixierenden Maßnahmen zu greifen“, sagte Unterfenger. Der Regelfall müsse daher stets sein, auf Fesseln jeglicher Art zu verzichten –  auch wenn es „ganz ohne“ nicht gehe. Ihr klarer Appell: „Lassen Sie uns Entfesslungskünstler sein!“

Die Statistik gibt der Fachärztin für Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie recht. Tatsächlich ist die Anzahl der Stürze in den beiden gerontopsychiatrischen Einrichtungen der LWL-Kliniken Lippstadt und Warstein in den vergangenen Jahren mit insgesamt etwa 300 Vorfällen pro Jahr konstant geblieben. Und das bei zugleich drastisch gesunkenen Fixierungsstunden.

„Das Minimieren dieser Stunden ist eine multiprofessionelle Aufgabe, die nur im Team gemeistert werden kann“, sagte der stellvertretender Pflegedirektor Guido Langeneke. Dass sich das Risiko zu Stürzen im Alter erhöht, sei normal: „Eine voreilige Fixierung, die im Übrigen in jedem Einzelfall richterlich genehmigt werden muss, erhöht dieses Risiko aber nur noch weiter!“

Das Suchtpotential von Schlaf- und Beruhigungsmitteln im Alter thematisierte anschließend Dr. Rüdiger Holzbach. „13,2 Prozent der 70- und über 70-Jährigen erhalten solche Benzodiazepine“, verdeutlichte der Chefarzt der Abteilung Suchtmedizin der LWL-Kliniken Lippstadt und Warstein. Die Crux daran: Bereits nach zwei bis drei Wochen gewöhnt sich der Körper an die Medikamentengabe, geringere Wirksamkeit und die Gefahr einer Dosissteigerung bis hin zur Sucht inklusive.

„Nichtsdestotrotz müssen wir feststellen: Je älter der Patient ist, desto häufiger werden Schlaf- und Beruhigungsmittel langfristig verschrieben.“ Dabei gehe es in vielen Fällen auch ohne Suchtmittel. Die Möglichkeiten seien vielfältig und reichten von pflanzlichen Mitteln bis hin zu einer schlafhygienischen Beratung, zählte der Experte auf.

Auch Referenten externer Einrichtungen konnten für den ersten Benninghauser Tag der Alterskunde gewonnen werden. So beleuchtete Dr. Tilman Fey, Chefarzt Gerontopsychiatrie der LWL-Klinik Münster, Symptome und Ursachen des Delirs als akute Verwirrtheit bei Demenz. Um Depression im Alter ging es bei Volker Wippermann als Chefarzt der gerontopsychiatrischen Abteilung der LWL-Klinik Hemer.

Einen ebenso unterhaltsamen wie nachdenklichen Beitrag lieferte Dietmar Göllmann unter dem Titel „Wie aus Wolken Spiegeleier werden“. Der Mitarbeiter der Firma Novartis zeigte anhand einiger Werke des an Demenz erkrankten Grafikers Carolus Horn, wie das Leiden die Wahrnehmung und das Schaffen des Künstlers beeinflusst haben. Horn erkrankte im Alter von 60 Jahren. Er starb 1992, neun Jahre nachdem er die Diagnose erhalten hatte.

Im Anschluss an die Vorträge konnten sich die Besucher über das vielfältige Angebot der Abteilung Gerontopsychiatrie informieren. Beschäftigte des Pflegedienstes und der Ergotherapie stellten die Angebote zur Tagesstruktur und Ressourcenaktivierung sowie das Snoezelen vor. Wie Fixierungen vor Ort vermieden werden, verdeutlichte das Pflegeteam anhand konkreter Beispiele.

Der Benninghauser Tag der Alterskunde soll keine Eintagsfliege bleiben. Pläne für das kommende Jahr gibt es bereits. „Dann wollen mein Team und ich die Veranstaltung in einem ähnlichen Rahmen wieder organisieren“, verrät die Initiatorin Helene Unterfenger.