„Abhängige wieder Teil der Gesellschaft werden lassen“: Neuer LWL-Chefarzt Stefan Kühnhold möchte Medikamentenentzug weiter ausbauen und mit Substitutionsambulanz „die Sucht überlisten“

Dr. Volkmar Sippel, Ärztlicher Direktor (links), hieß den neuen Chefarzt Stefan Kühnhold an den LWL-Kliniken Lippstadt und Warstein willkommen. Foto: LWL/Eva Brinkmann

Dr. Volkmar Sippel, Ärztlicher Direktor (links), hieß den neuen Chefarzt Stefan Kühnhold an den LWL-Kliniken Lippstadt und Warstein willkommen. Foto: LWL/Eva Brinkmann

Abhängigkeitskranken Menschen dabei zu helfen, ein würdiges Leben zu führen und wieder Teil der Gesellschaft zu werden – dieser Wunsch veranlasste Stefan Kühnhold vor 20 Jahren, sich ganz der Suchtarbeit zu widmen. Auch in seiner neuen Position als Chefarzt einer der deutschlandweit größten suchtmedizinischen Abteilungen steht für den 52-Jährigen fest: „Wir müssen unsere Klienten ganzheitlich betrachten, um sie bestmöglich bei der Bewältigung eines schwierigen Lebensabschnitts unterstützen zu können.“ Dabei gelte es, die Behandlung auf den Patienten zuzuschneiden, nicht umgekehrt. Seit dem 1. November leitet er die Suchtmedizin der psychiatrischen Kliniken Lippstadt und Warstein im Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL).

„Wir sind sehr froh, einen erfahrenen, fachlich und persönlich hoch engagierten Mediziner als Chefarzt für unsere insgesamt sechs Suchtstationen gewonnen zu haben“, sagte Dr. Volkmar Sippel, Ärztlicher Direktor der beiden Kliniken, der seinen neuen Kollegen im Namen der Betriebsleitung willkommen hieß. Gleichzeitig dankte er Dr. Ewald Rahn, der zwischenzeitlich neben der Abteilung Allgemeine Psychiatrie kommissarisch auch die Leitung der Suchtmedizin übernommen hatte.

Gebürtig aus Hamburg stammend, absolvierte Stefan Kühnhold sein Medizinstudium in Marburg. Bereits 1995 führte sein Weg zum LWL-PsychiatrieVerbund: An der LWL-Klinik Paderborn baute er unter anderem die Sucht- und Substitutionsambulanz mit auf, dort wirkte er zuletzt als Oberarzt. Dass er sich entschloss, die Chefarztstelle an den Kliniken Lippstadt und Warstein zu übernehmen, liege nicht nur daran, dass er sich dort „Gestaltungsräume für neue, kreative Ideen“ erhofft: „Es gibt hier spezialisierte Angebote, die man sonst nur in Großstädten findet“, spricht er zum Beispiel den qualifizierten Drogenentzug für Cannabis- und Amphetamin-Abhängige am Standort Warstein an. Weiter ausbauen möchte er das Behandlungsangebot für Medikamentenabhängige in Lippstadt-Benninghausen, das Dank der Pionierarbeit seines Vorgängers Dr. Rüdiger Holzbach bundesweit nachgefragt ist. „Selbst unter optimalen Bedingungen schafft nur jeder zehnte Alkoholiker den Weg in den qualifizierten Entzug. Bei den Benzodiazepin-Abhängigen sind es noch weniger“, nennt Kühnhold alarmierende Zahlen.

Sucht ist immer noch ein Tabu

Während psychische Erkrankungen wie Depressionen in der Gesellschaft inzwischen weithin akzeptiert seien, spielten Scham und die Angst vor Diskriminierung in der Sucht noch immer eine große Rolle: „Es ist ein Irrtum zu glauben, der Konsum von Suchtmitteln sei alleine mit Willenskraft in den Griff zu bekommen“, weiß Kühnhold. „Hinweise aus der Familie oder von Freunden, dass etwas nicht stimmt, sollte man ernst nehmen und in der Suchtberatung, beim Hausarzt oder einer Selbsthilfegruppe Rat suchen. Auch der direkte Weg in die Klinik ist möglich.“

Dort seien die vormals starren Strukturen abgelöst worden durch Programme, die nicht primär die lebenslange Abstinenz zum Ziel haben, sondern zum Beispiel das Wiederherstellen der Familie oder die Rückkehr an den Arbeitsplatz. „Wenn Menschen mit vielfältigen Schwierigkeiten lernen, gute Entscheidungen zu treffen, um ein würdiges Leben führen zu können, ist schon viel gewonnen“, ist Kühnhold überzeugt. In diesem Zusammenhang sieht er Substitutionsambulanzen als wichtiges Bindeglied: „Dadurch ist es möglich, die Sucht soweit zu überlisten, dass Drogenabhängige wieder Teil der Gesellschaft werden können.“ Nach den positiven Erfahrungen in Paderborn möchte der Suchtmediziner eine solche Einrichtung nun auch im Kreis Soest mit auf den Weg bringen.

Auch der engen Zusammenarbeit mit Reha-Einrichtungen misst Kühnhold eine entscheidende Bedeutung zu: „Ich freue mich, dass wir mit dem LWL-Rehabilitationszentrum Südwestfalen in Warstein eine große, moderne Einrichtung direkt vor Ort haben und für die Patienten nach dem Klinikaufenthalt in der Regel ein nahtloser Übergang möglich ist.“

Stefan Kühnhold ist verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder. In seiner Freizeit widmet er sich einer besonderen Art der Völkerverständigung: Er ist Vorsitzender des interkulturellen Paderborner Chores „Klangkult“. „Die Mitglieder stammen aus aller Herren Länder, und wir haben schon Lieder in 22 Sprachen gesungen“, berichtet Kühnhold, „darunter auch Chinesisch, Türkisch und – wegen der vielen Konsonanten eine ganz besondere Herausforderung – Polnisch.“