Weniger Alkohol – mehr Lebensqualität: Erfolgreiches Seminar zum „Kontrollierten Trinken“ an LWL-Kliniken wird erneut angeboten – Teilnehmer berichten

Kontrolliertes-Trinken-Pressekonferenzwestfalenpostpatriot-logo-kleinOtto und Manuela haben es geschafft: Sie konnten ihren Alkoholkonsum deutlich reduzieren und somit mehr Lebensqualität gewinnen. Sie zählen zu den 15 Teilnehmern eines Seminars zum „Kontrollierten Trinken“, das die Kliniken Warstein und Lippstadt im Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) erstmalig angeboten hatten. Unter Anleitung von Dr. Rüdiger Holzbach, Chefarzt der Abteilung Suchtmedizin in Warstein und Lippstadt, fanden sie Wege, die durch das Trinken von Alkohol entstehenden Risiken zu vermindern, ohne ganz auf den Konsum verzichten zu müssen.

„Müssen sich die Betroffenen den Angeboten anpassen oder wir unsere Angebote die Betroffenen?“ – Diese Frage stand im Raum, als sich die LWL-Kliniken Lippstadt und Warstein Ende 2014 entschlossen, zusätzlich zum stationären Entzug ein Seminar zum „Kontrollierten Trinken“ anzubieten. Damit betraten sie bislang eher unbeschrittenes Terrain, galt zuvor doch eine vollständige Abstinenz als alleiniges Ziel in der Behandlung Abhängigkeitskranker. „Doch nur 2,5 Prozent aller Abhängigen nutzen jährlich einen Qualifizierten Entzug in psychiatrischen Kliniken“, weiß Holzbach. „Unser Anliegen war es, mit dem Seminar auch diejenigen anzusprechen, die einen Entzug bislang gemieden haben, da sie nicht komplett auf Alkohol verzichten möchten.“

Vorstellungsvideo der Abteilung Suchtmedizin

„Ganz ohne Bier geht es nicht…“

So wie Otto. Für den 72-Jährigen stand fest: „Ganz ohne Bier geht es nicht.“ Allerdings war ihm auch bewusst, dass seine regelmäßige Trinkmenge von fünf bis sechs Flaschen pro Tag zu groß war. Seine Ehefrau gab ihm den Impuls, sich zu dem zehnstündigen Seminar anzumelden. Durch Dr. Rüdiger Holzbach erfuhr Otto nicht nur, wie gefährlich Alkohol für den eigenen Körper und auch im Straßenverkehr ist. Er lernte vor allem, sich erreichbare Ziele zu setzen: nicht vor 18 Uhr zu trinken und maximal drei Flaschen Bier pro Tag bzw. 20 Flaschen pro Woche. „Durch Disziplin, die Wochen- und Tagesplanung sowie vor allem das Feedback der anderen Teilnehmer habe ich es geschafft“, wertet Otto das Seminar für sich als großen Erfolg. An einigen Tagen sei es ihm sogar gelungen, gar keinen Alkohol zu trinken, „aber das fällt schwer“, gibt er zu. Trank er zuvor oft aus Langeweile, nutzt der Ruheständler seine Zeit nun mehr für Haus- und Gartenarbeit, sportliche Aktivität und ehrenamtliches Engagement. Besonders stolz ist er, weil er auch seinen Zigarettenkonsum fast halbieren konnte: von 22 bis 23 auf etwa zwölf pro Tag. „Das ganze hat noch einen positiven Nebeneffekt“, sagt Otto. „In 77 Tagen habe ich 400 Euro eingespart.“

Manuela ist durch ihre Ärztin auf das Seminar aufmerksam geworden. Die 52-Jährige leidet seit ihrer Kindheit an Depressionen und Angstzuständen, die sie durch Alkohol zu bewältigen versuchte. Ein bis eineinhalb Liter Wein pro Tag waren die Regel. „Daran etwas zu ändern, fiel mir nicht ganz einfach, weil ja noch ganz andere Problematiken im Raum stehen“, berichtet sie. „Mein Ziel war es daher, weiter am Ball zu bleiben.“ Durch das Seminar ist es auch ihr gelungen, deutlich weniger Alkohol zu trinken, etwa eine halbe Flasche Wein sei es nun am Tag, manchmal auch nur eine Flasche Bier. Darüber hinaus fühle sie sich in der Gruppe „sehr wohl und gut aufgehoben“: „Indem ich über meine Probleme offen sprechen konnte, ist es mir nun möglich, anders damit umzugehen.“

Die Teilnahme am Seminar kann Türöffner für einen Entzug sein

Auch Holzbach wertet das Seminar als Erfolg: „Drei der Teilnehmer entschieden sich im Verlauf zu einem stationären Entzug, einer konnte komplette Abstinenz erreichen, und zwei konsumieren nur noch gelegentlich Alkohol.“ Den übrigen neun sei es gelungen, die konsumfreien Tage von durchschnittlich 1,6 auf drei pro Woche zu erhöhen und die Trinkmenge etwa zu halbieren.

Auch nach Ende des Seminars wollen die Teilnehmer an ihren Zielen festhalten und haben eine Selbsthilfegruppe gegründet, um in 14-tägigem Rhythmus von ihren Erfahrungen zu berichten und sich gegenseitig Mut zuzusprechen. Auch der Kontakt zu Holzbach, der die Gruppe gerne weiter unterstützen möchte, soll erhalten bleiben. „Wichtig ist es, dass Betroffene selbst einschätzen können, welche Menge sie sich selbst zumuten möchten“, so der Suchtmediziner. „Sie handeln selbstbestimmt und können ihre Ziele ganz individuell festlegen. Sobald sie es schaffen, weniger Alkohol zu trinken, stellen die allermeisten fest, dass sie wieder mehr Lebensfreude entwickeln und am sozialen Leben teilhaben können.“

Neues Seminar für August geplant

Ein weiteres Seminar zum „Kontrollierten Trinken“ startet am 13. August an den LWL-Kliniken. Abhängig von den jeweiligen Anmeldezahlen ist der Veranstaltungsort: Bei entsprechendem Interesse kann das Seminar sowohl in Lippstadt, als auch in Warstein und Soest angeboten werden. Holzbach weist darauf hin, dass es nicht geeignet ist für „trockene Alkoholiker“, Menschen mit alkoholbedingten Folgeerkrankungen oder wenn eine schwere Abhängigkeitsentwicklung vorliegt. Die Kosten werden durch die Krankenkassen übernommen. Voraussetzung für die Teilnahme ist ein Vorgespräch, die Terminvergabe erfolgt durch das suchtmedizinische Abteilungssekretariat in Warstein unter Tel. 02902 82-5202.

Weitere Informationen können im Internet unter www.lwl-kurzlink.de/sd10 abgerufen oder kostenlos bestellt werden.