„Kein Mensch fragt: Wie geht es dir denn?“ – Projekt Familiale Pflege in den LWL-Kliniken Lippstadt und Warstein stellt den Angehörigen in den Mittelpunkt

Familiale Pflege

Sabine Klinger (l.) und Raimund Beerwerth beraten Mechthild K. bei der Pflege ihres an Demenz erkrankten Ehemanns. Foto: LWL/Eva Brinkmann

Mechthild K. ist verzweifelt. Aufopferungsvoll pflegt sie seit Jahren ihren Ehemann Bruno, der an Demenz erkrankt ist. Die Tage sind geprägt von ständiger Sorge. Immer wieder wird sie mit Aggressionen und abwehrendem Verhalten des Erkrankten konfrontiert. Nachts ist er meist unruhig, so dass sie kaum Schlaf findet. „Er ist doch mein Ehepartner, da kann ich ihn doch nicht einfach abgeben“, motiviert sich Mechthild K. immer wieder aufs Neue. Dankbarkeit kann sie nicht erwarten. Und kaum jemand würdigt die enorme Leistung, die sie tagtäglich vollbringt. „Da tut es gut, wenn jemand Zeit hat und mir zuhört“, sagt die 75-Jährige. Beim Team der „Familialen Pflege“ in der LWL-Klinik Warstein stieß Mechthild K. auf ein offenes Ohr. Die speziell geschulten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter konnten ihr in vielerlei Hinsicht Hilfestellung geben. Das Modellprojekt für Angehörige ist 2014 in den LWL-Kliniken Lippstadt und Warstein gestartet.

„So wie Frau K. geht es vielen Angehörigen, bei denen dann die Gefahr besteht, selbst depressiv zu werden“, weiß Sabine Klinger. „Nicht ohne Grund sagt man: Pflege macht krank.“ Zusammen mit ihrem Warsteiner Kollegen Raimund Beerwerth und Christine Kowatz von der LWL-Klinik Lippstadt hat sie im ersten Jahr die Angehörigen von 180 Patientinnen und Patienten betreut. Die Pflegefachkräfte bieten nicht nur individuelle Pflegetrainings an. Sie leisten auch Unterstützung, wenn es zum Beispiel darum geht, Leistungen der Pflegekassen in Anspruch zu nehmen.

Manchmal sind es aber auch nur kleine Tipps, die den Alltag mit dem Pflegebedürftigen erleichtern können. Mechthild K. haben besonders die Gespräche im Rahmen der „Familialen Pflege“ weiter geholfen. „In dieser Situation fragt kein Mensch: Wie geht es dir denn?“, hat sie festgestellt. „Daher bin ich so dankbar, dass man mir zuhört und meine Probleme auch versteht.“

„Es sind diese Gespräche, die 80 Prozent unserer eigentlichen Arbeit ausmachen“, zieht Raimund Beerwerth Bilanz. Die Familie, die immer mit betroffen sei, werde dabei mit einbezogen. „Wir helfen den Angehörigen, ihre Grenzen kennen zu lernen, und beraten sie auch, wenn es zuhause einmal nicht mehr weiter gehen sollte“, so Beerwerth. „Entscheiden sich die Angehörigen für eine Pflege in der häuslichen Umgebung, so bieten wir ihnen auch vor Ort bis zu sechs Wochen nach dem Klinikaufenthalt Pflegetrainings und Gespräche an.“ Dabei verstehe sich die „Familiale Pflege“ jedoch nicht als Konkurrenz zu ambulanten Pflegediensten. „Wir helfen vielmehr, ein Pflege-Netzwerk aufzubauen, in das diese Dienste dann einbezogen werden können“, verdeutlicht Sabine Klinger.

Dank der Unterstützung der „Familialen Pflege“ und einer Hilfskraft, die seine Familie aus eigener Tasche bezahlen muss, geht es auch für Bruno K. in der häuslichen Umgebung weiter. Und Mechthild K. findet Gelegenheit, wieder etwas mehr an sich selbst zu denken, zum Beispiel einmal mit einer Bekannten eine Tasse Kaffee zu trinken. „Wenn man all die Jahre so eingespannt war, muss man erst lernen, wieder etwas für sich selbst zu machen“, hat sie festgestellt. Auch darin bestärkt sie das Team der „Familialen Pflege“. „Ich habe viele Tipps bekommen, und man hat mir Mut gemacht. Das ist eine tolle Sache“, weiß sie die Arbeit von Sabine Klinger und Raimund Beerwerth zu schätzen.

Hintergrund
Die „Familiale Pflege“ ist ein kostenloses Angebot der LWL-Kliniken Lippstadt und Warstein, finanziert durch die Krankenkasse unter Federführung der AOK sowie wissenschaftlich begleitet durch die Universität Bielefeld. Dabei geht es nicht nur um den Umgang mit Menschen, die an Demenz erkrankt sind, sondern außerdem überwiegend um die Krankheitsbilder Depressionen und Ängste. Einige Angebote richten sich auch an externe Interessierte. Nähere Informationen sind im Internet unter www.lwl-klinik-warstein.de/familiale-pflege oder www.lwl-klinik-lippstadt.de/familiale-pflege abrufbar.